FOTOKLIC.DE · INTERVIEW-SERIE
Ein selbsternannter „Straßenmensch“ über Menschen, Respekt und den Weg von Mexiko-Stadt nach Amman.
Ich habe Jacobs Arbeit über Instagram gesehen und wollte ihn unbedingt kennenlernen und erfahren, wie er arbeitet. Im August 2024 haben wir uns dann getroffen, uns mit der Kamera bewaffnet in die Straßen von Mexiko-Stadt gestürzt und uns während der Streetfotografie unterhalten. Hier nun seine Geschichte.

Jacob Prado ist ein autodidaktischer Straßen- und Dokumentarfotograf aus Mexiko. In seinem Langzeitprojekt Ecosistema06050 hält er seit sieben Jahren die außergewöhnliche Vielfalt der Menschen im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt fest – stets ungestellt, mit Respekt und Neugier. Heute lebt und arbeitet er in Amman, Jordanien, wo er als Diplomat tätig ist und weiter fotografiert..
„Ich bin eher ein Straßenmensch als ein Fotograf.“ Diesen Satz sagt Jacob Prado immer wieder über sich – und er meint ihn ernst. Für ihn geht es nicht um Technik oder das perfekte Bild, sondern einzig um die Menschen, denen er auf der Straße begegnet.
Anfänge
Angefangen hat alles mit dem Handy. Alles änderte sich vor rund zehn Jahren, als seine Frau ihm eine Kamera schenkte – dieselbe, mit der er bis heute fast alle seine Aufnahmen macht. Das Fotografieren hat er sich vollständig selbst beigebracht.
Seine erste Kamera nutzte er in El Paso, Texas, für Zugvögel am Rio Grande – Vogelfotografie ist bis heute vielleicht sein liebstes Motiv. Doch kurz darauf zog er nach Mexiko-Stadt, wo es weit weniger Vögel gab. So kam er zum Straßenporträt.
Das Bild, auf das er zuerst wirklich stolz war, ist zugleich sein schwierigstes: das Hauptmotiv seiner Ausstellung Ecosistema06050. Weil er ausschließlich ungestellt fotografiert, war dieses Porträt eine echte Herausforderung.

Stil und Haltung
Woran man ein Bild von ihm erkennt? Nicht an einer sichtbaren Handschrift, hofft er, sondern am Respekt und an der Neugier, mit denen er den Menschen begegnet, die er fotografiert. Er fotografiert nur Menschen, die seine Aufmerksamkeit fangen – Menschen, die auf die eine oder andere Weise eine Geschichte zu erzählen scheinen.

Meine Fotografie handelt von Menschen. Die Straße ist einfach die Bühne, auf der sich ihre Geschichten entfalten.
Jacob Prado über seinen Stil in einem Satz

Die Dokumentarfotografie entdeckte er sehr früh, als sein Vater das Archivo Casasola nach Hause brachte. Später kamen Tina Modotti, Manuel Álvarez Bravo, Flor Garduño und Graciela Iturbide dazu, über die Jahre Nacho López, Bob Schalkwijk und Yolanda Andrade. Mexiko hat eine außergewöhnlich reiche dokumentarische Tradition.
Projekt „Ecosistema06050“
Jacobs wichtigste Arbeit trägt den Namen eines Postleitzahlgebiets: Ecosistema06050. Die Bilder entstehen seit sieben Jahren – seit seiner Rückkehr nach Mexiko, nach über zwei Jahrzehnten in den USA und Kanada. Wieder durch die Straßen des historischen Zentrums von Mexiko-Stadt zu gehen, sei für ihn eine echte Wiederentdeckung der mexikanischen Gesellschaft gewesen. Von seiner Heimat losgelöst habe er sich nie gefühlt, sagt er – und doch: „In keiner anderen Stadt, in der ich gelebt oder die ich bereist habe, habe ich größere Vielfalt erlebt.“

In keiner anderen Stadt, in der ich gelebt oder die ich bereist habe, habe ich größere Vielfalt erlebt.
Jacob Prada über Mexiko-Stadt

Eine Stadt lasse sich über ihre Denkmäler beschreiben, ihre Straßen, ihre Architektur, Gerüche und Klänge – und in Mexiko natürlich über ihre Gerichte. Doch am deutlichsten, findet Jacob, sprechen die Menschen: „Nichts erzählt mehr von einer Stadt als die Menschen, die sie bewohnen.“ Genau das ist das Ziel von Ecosistema06050 – die Lebensgeschichten sichtbar zu machen, die sich in Blicken, Kleidung und Haltung verbergen.

Das historische Zentrum – für die Azteken einst ometéotl, das Zentrum der Welt – ist heute eine Postleitzahl, in der ganz unterschiedliche Milieus nicht bloß nebeneinanderher existieren. Federgeschmückte Tänzer, die eine vorspanische Weltsicht bewahren, stehen dort neben jungen Punks und Cyber-Goths; traditionell wirkende Erwachsene neben Jugendlichen, die ihre Identität über Tattoos und Piercings behaupten. Mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß, mal Avantgarde, mal Tradition – man glaubt beinahe, den Leierkastenmann und den Danzón auf den Plätzen zu hören.

Jacob spielt dabei mit einem feinen Unterschied der spanischen Sprache: cara, das alltägliche Gesicht, das wir anderen zeigen – und rostro, das tiefere Gesicht, in dem Identität, Erinnerung und Gefühl sichtbar werden. Dazwischen steht die Maske: ein zweites Gesicht, das den Menschen zugleich darstellt und verbirgt. Ein Porträt, sagt er, kann uns ein ganzes Leben erzählen – oder uns einladen, in dem fremden Gesicht eine eigene Figur zu erfinden.

Am meisten beeindruckt ihn aber nicht die Vielfalt selbst, sondern die Toleranz, mit der all diese Gruppen im Zentrum täglich zusammenleben. Vielfalt und Toleranz, davon ist er überzeugt, werden zu einer einzigen Erfahrung, die Kreativität und Neues hervorbringt.

Am Ende sind wir dort alle Mexikaner. Und wie überall auf der Welt sind wir alle Menschen, die Anerkennung und Respekt verdienen – ungeachtet unserer Herkunft, unseres Aussehens oder der Masken und Tattoos, die wir tragen.
Jacob Prada
Seine persönliche Arbeitsweise
Einen festen Workflow hat er nicht – „ich bin eben eher ein Straßenmensch“. Er geht meist am Wochenende los und streift durch die Innenstadt, dorthin, wo sich Menschenmengen bilden und eine unglaubliche Vielfalt an Menschen, Identitäten und Interessen zusammenkommt. Dort findet er zugleich Inspiration und die Bilder, die er sucht.

Für seine Art zu fotografieren zieht er eine klare Grenze: „Ich nehme Fotos auf – ich mache sie nicht.“ Seine Arbeit dokumentiere, was sich vor ihm entfaltet, statt Bilder zu konstruieren. Deshalb steht die Nachbearbeitung nie im Zentrum – die Geschichte erzählen die Menschen, die er fotografiert.
Geplant wird nichts. Jedes Bild beginnt mit jemandem, der eine Geschichte zu erzählen scheint. Die Geschichte, die er sich dazu ausmalt, ist meist seine eigene – und hat mit der Wirklichkeit vielleicht wenig zu tun. Am Ende bleibt das Porträt, und jeder, der es betrachtet, denkt sich seine eigene Geschichte dazu, geprägt vom eigenen Leben statt vom Leben der abgebildeten Person.


Sein schwierigstes Bild ist erneut das Hauptmotiv von Ecosistema06050: Die junge Frau sah er viele Male, doch sie verschwand jedes Mal in der Menge, bevor er sie fotografieren konnte. Am Ende gelang das Bild durch schiere Hartnäckigkeit.
Die Kamera, die ihm seine Frau vor über zehn Jahren schenkte, würde er nie hergeben. Ihr starkes Zoom erlaubt es ihm, Menschen zu fotografieren, ohne in ihre Privatsphäre einzudringen – so leben sie natürlich weiter, ohne die Kamera zu bemerken, ohne zu posieren, ohne sich unwohl zu fühlen. Genau darum geht es ihm: um natürliche Ausdrücke, Gesten und die Spuren, die ein Leben im Gesicht hinterlässt.

Erfahrung und Rat
Was ein gutes von einem großartigen Bild trennt, ist für ihn einfach: „Ein großartiges Porträt offenbart die Persönlichkeit eines Menschen und die Spuren seiner Lebenserfahrung.“
Und wie viel an einem gelungenen Foto ist Technik, wie viel emotionale Verbindung? In der Streetfotografie, findet er, zählt keines von beidem: „Die Straße dreht sich nicht um Technik, sondern um die Gelegenheit. Und nicht um Sentimentalität, sondern um Wirklichkeit.“
Sei nicht schüchtern. Mach so viele Fotos, wie du kannst. Manche davon werden am Ende genauso, wie du sie dir wünscht.
Jacobs Rat an seinem Anfänger-Ich

Menschen, Nähe und die eigene Energie
Was ihn das Fotografieren von Menschen über die menschliche Natur gelehrt hat? Dass es eine außergewöhnliche Vielfalt an Identitäten, Interessen und Weltsichten gibt – und dass die Menschheit im Großen und Ganzen bemerkenswert tolerant ist.

Anders als man vermuten könnte, kostet ihn die Nähe keine Energie: Er interagiert nie mit den Menschen, die er fotografiert. Auf die Straße zu gehen lässt ihn in einer Welt versinken, die mit seiner eigenen nichts zu tun hat und den Kopf frei macht. „Es ist fast wie eine Therapie. Es gibt mir Seelenfrieden.“
Überrascht hat ihn beim Fotografieren jeder Ort – selbst dort, wo er denselben Menschen immer wieder begegnet, tauchen fast immer neue Gesichter auf, und selbst die Bekannten tun oft etwas, das er noch nie gesehen hat. Das hält jeden Spaziergang interessant und jedes Bild anders.

Dass er seine Heimat nach der langen Zeit im Ausland so klar sehen konnte, hat für Jacob einen Grund: Wer an einem Ort bleibt, entwickelt sich mit seiner Gesellschaft und bemerkt deren Wandel kaum; wer nach vielen Jahren zurückkehrt, sieht ihn deutlicher – in den Haltungen der Menschen, ihren Prioritäten und dem, wonach sie streben.
Von Mexiko-Stadt nach Amman
2024 ging er dann beruflich nach Jordanien – ein starker Kontrast zur lauten, farbenfrohen Welt aus Tattoos, Punks und Cyber-Goths, die er in Mexiko-Stadt fotografiert hatte. Verändert habe das seinen Blick, nicht aber seine Haltung: „Gesellschaften sind verschieden, aber die Welt ist überall lebendig. Was sich ändert, ist die Art, wie Menschen ausdrücken, wer sie sind.“

Seine Aufgabe als Fotograf sei es nicht, zu vergleichen, sondern die eigene Schönheit jedes Ortes zu erkennen. Seine Herangehensweise bleibt dabei dieselbe – er respektiert einfach die Grenzen, die in Jordanien gelten, so wie zuvor in Mexiko.


Jacob ist zugleich Diplomat und Fotograf. Beide Welten hält er bewusst getrennt, auch wenn ihm seine Art zu fotografieren geholfen hat, die Gesellschaften zu verstehen, in denen er gelebt und gearbeitet hat. Doch auch das sei letztlich keine Frage der Fotografie, betont er: Es gehe ums Gehen durch die Straßen – als der Straßenmensch, als den er sich immer wieder bezeichnet –, ums Beobachten, was einen Ort vom anderen unterscheidet, und ums Wertschätzen der Persönlichkeiten und Lebensspuren der Menschen.
Ein Blick nach vorn
Ein bestimmtes Bild, das er unbedingt noch machen will, hat er nicht. „Ich gehe nicht durchs Leben und suche nach bestimmten Fotos. Irgendwie finden sie einfach mich.“
Mehr von Jacob Prado findet ihr auf ecosistema06050.com und auf Instagram @prado.jacob.
| Name | Jacob Prado |
| Ort / Land | Mexiko-Stadt, Mexiko · derzeit Amman, Jordanien |
| Kontakt | Website: ecosistema06050.com · Instagram: @prado.jacob |
| Fotostil | Straßen- und Dokumentarfotografie – ungestellte Porträts der Menschen im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt (Langzeitprojekt „Ecosistema06050“). |
Steckbrief: Jacob Prado · Fotoklic.de
Wer sich für die Arbeit von Jacob Prado und seine Streetfotografie in Mexiko-Stadt interessiert, sollte auch die Reportage Santa Muerte in Tepito: Eine Reportage mit Ricoh GR IV und Fujifilm X-E5 lesen – sie zeigt einen Ort, den Jacob selbst besucht hat.
Ein weiterer Fotograf, der mit ähnlicher Hingabe das Leben auf der Straße dokumentiert, ist Dmitrij Leltschuk – seine Momentaufnahmen aus der Elbmetropole beweisen, dass Respekt und Neugier auch in Hamburg zu eindrucksvollen Bildern führen.
Alle Fotos: Jacob Prado







