Die Santa Muerte ist eine volkstümliche Heiligenfigur, die den Tod verkörpert und vor allem in Mexiko verehrt wird. Ihre Wurzeln liegen in der Verbindung indigener Totenvorstellungen mit katholischer Symbolik. Für viele Gläubige ist sie eine Schutzfigur, die niemanden ausschließt. Sie wird um Sicherheit, Gesundheit, Liebe, Arbeit oder Beistand in schwierigen Lebenslagen gebeten. Bekannt ist sie auch unter Namen wie La Niña Blanca, La Flaquita oder La Madrina – Bezeichnungen, die ihre persönliche Nähe zu den Anhängern zeigen.
Die Santa-Muerte-Reportage ist für mich nicht nur eine fotografische Arbeit über Rituale, Symbole und Glauben, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Kameras eine Geschichte erzählen können. Einen Teil der Aufnahmen habe ich mit der Ricoh GR IV fotografiert – jener kompakten Kamera, die auch im Mittelpunkt meines Buches „Ricoh GR IV – Das Handbuch zur Kamera“ steht. Der Artikel greift in Teilen auf einen Text zurück, der in ähnlicher Form dort erschienen ist, wurde für diesen Beitrag und neu eingeordnet. Neben der Ricoh GR IV kam bei dieser Dokumentation auch die Fujifilm X-E5 zum Einsatz. Zu dieser Kamera erscheint ebenfalls mein Buch „Fujifilm X-E5 – Das Handbuch zur Kamera“.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten bin ich als Autor von Fachbüchern und Artikeln rund um die Fotografie tätig. In dieser Zeit habe ich zahlreiche Kamerasysteme in der Praxis kennengelernt und die Entwicklungen der Fotobranche über viele Jahre hinweg begleitet. Besonders wichtig war mir dabei immer der Blick auf den praktischen Einsatz: Welche Technik funktioniert im Alltag wirklich, worauf kommt es im entscheidenden Moment an und wie lässt sich fotografisches Werkzeug sinnvoll nutzen?
Hintergrund und Kontext
Der Kult um Santa Muerte, die „Heilige des Todes“, ist eine der ungewöhnlichsten und zugleich wohl am häufigsten missverstandenen religiösen Ausdrucksformen Mexikos. Für viele Gläubige ist sie keine provokante Figur, sondern eine Schutzpatronin. Vor allem Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, in unsicheren Verhältnissen arbeiten oder sich von traditionellen religiösen Institutionen nicht wahrgenommen fühlen, finden in ihr Trost und Halt.
Besonders sichtbar wird diese Verehrung im Stadtteil Tepito in Mexiko-Stadt. Dort begegnen sich katholische Einflüsse, indigene Vorstellungen vom Tod, persönliche Opfergaben und intensive Rituale auf sehr unmittelbare Weise. Bunte Altäre, Totenschädel, Blumen, Geldscheine und Kerzen prägen das Straßenbild und schaffen eine Atmosphäre, die zugleich dicht, eindringlich und fast surreal wirkt.
Fotografisch ist Tepito ein faszinierender, aber auch sensibler Ort. Für mich liegt die Herausforderung vor allem darin, nicht nur starke Motive zu sehen, sondern den Menschen und ihrer Wirklichkeit mit Respekt zu begegnen. Tepito ist keine Kulisse für neugierige Blicke, und viele Menschen reagieren verständlicherweise zurückhaltend auf Kameras. Wer dort fotografieren möchte, braucht Feingefühl, Zurückhaltung und echtes Interesse. Ohne diese Haltung wirkt man schnell wie ein Fremder, der nur von außen auf etwas blickt, das er nicht wirklich versteht.
(Mentale) Vorbereitung
Die Vorbereitung auf diese Reportage war für mich vor allem mental nicht einfach. Zwar kannte ich Tepito bereits von einem früheren Besuch mit einem guten Freund, doch für die erneute Rückkehr waren es vor allem die Ratschläge erfahrener Fotografen, die mich begleiteten. Sie empfahlen mir, mich auf den Bereich rund um den Santa-Muerte-Altar und die angrenzenden Märkte zu beschränken, die Situation aufmerksam zu lesen und mit größtmöglichem Respekt aufzutreten.
Bei diesem ersten Besuch begegnete ich auch Doña Queta. Sie hatte den Altar 2001 ursprünglich als privaten Hausaltar errichtet und pflegt ihn bis heute. Mittlerweile ist dieser Ort zu einem der bekanntesten Wallfahrtsziele für Santa-Muerte-Anhänger geworden. Allein dorthin zurückzukehren, bedeutete für mich daher auch, meine Komfortzone deutlich zu verlassen. Nicht zuletzt deshalb, weil in Mexiko fast jeder davor warnt, Tepito überhaupt zu betreten.


Tepito wird bis heute von einem schwierigen Ruf begleitet. Das Viertel gilt als eng mit kriminellen Strukturen verbunden, was das Bild von außen nachhaltig geprägt hat. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich dieser Eindruck auf alle Bewohner übertragen ließe. Dennoch erklärt dieser Hintergrund, warum man sich dort mit besonderer Vorsicht, Respekt und Zurückhaltung bewegen sollte.
Meinen eigenen Auftritt habe ich deshalb bewusst reduziert. Ich trug einfache Straßenkleidung, zeigte meine Tattoos offen und hatte eine Santa-Muerte-Kette um den Hals. Zusätzlich nahm ich Süßigkeiten und Zigaretten mit, die vor Ort als Opfergaben oder kleine Geschenke verteilt werden. Auch eine gemeinsam getrunkene Michelada kann dazu beitragen, nicht allein als Fremder wahrgenommen zu werden.
Bei der Fotoausrüstung setzte ich auf ein möglichst zurückhaltendes Setup. Die Ricoh GR IV trug ich meist direkt in der Hand, ohne Tasche. Ergänzt wurde sie durch die Fujifilm X-E5 mit dem XF 23mm f/2 und dem XF 50mm f/2. Mehr Ausrüstung wäre in dieser Umgebung eher hinderlich gewesen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugt und die eigene Beweglichkeit einschränkt.
Fotografieren vor Ort
Als ich am Santa-Muerte-Altar ankam, waren die Lichtverhältnisse alles andere als ideal. Obwohl ich früh begonnen hatte, stand die Sonne bereits so hoch, dass sie fast senkrecht auf die Szene fiel. Besonders bei den Gläubigen, die auf Knien zum Altar rutschten, kam das Licht häufig von hinten. Einzelne schattige Bereiche gab es zwar, doch in der dichten Menge ließen sie sich kaum gezielt nutzen.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich für mich, worum es in der Reportagefotografie oft geht. Nicht um perfektes Licht, sondern um das Licht, das gerade da ist. Wichtiger als technische Idealbedingungen sind dann der richtige Moment, Aufmerksamkeit und ein Gefühl für die Situation.
Im Laufe des Tages wurde die Menge so dicht, dass ich mich kaum noch frei bewegen konnte. Die Warteschlange zum Altar war am späten Nachmittag mehrere hundert Meter lang. Da ich meist gegen den Strom arbeitete, um die ankommenden Gläubigen zu fotografieren, wurde jede Bewegung anstrengender und mein Arbeitsrhythmus deutlich langsamer.

Die Menschen bewegten sich insgesamt sehr langsam. Viele warteten geduldig, andere rutschten Meter für Meter auf Knien in Richtung Altar. Für mich bedeutete das fotografisch zwar weniger Bewegung, dafür aber umso intensivere Momente. Um diese Nähe im Bild sichtbar zu machen, musste ich oft bis auf ein oder zwei Meter an die Menschen heran, manchmal sogar noch näher.
Gerade in solchen Augenblicken ist es nicht immer leicht zu entscheiden, ob man fotografieren sollte oder besser nicht. Viele der Gläubigen waren ganz bei sich, fast abgeschirmt von allem um sie herum. Deshalb habe ich die Kamera oft bewusst sichtbar angehoben und mit einer kleinen Geste um Zustimmung gebeten. Wenn keine ablehnende Reaktion kam, habe ich fotografiert.
Bei den Menschen, die auf Knien zum Altar kamen, musste ich ebenfalls auf ihre Höhe gehen und zugleich darauf achten, ihnen nicht im Weg zu sein oder in der Enge versehentlich angerempelt zu werden. Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Viele begegneten mir offen, freundlich und wirkten sogar ein wenig stolz darauf, fotografiert zu werden. Die Ricoh GR IV nutzte ich in diesen Situationen meist im Fixfokus, weil ich so auch auf kurze Distanz schnell und verlässlich reagieren konnte.
Trotzdem blieb diese Art der Fotografie für mich sensibel. Aus nächster Nähe spürt man die Blicke der anderen sehr deutlich, und man merkt sofort, wenn die eigene Präsenz hinterfragt wird. Immer wieder tauchten zudem Personen auf, die darauf hinwiesen, dass man in bestimmten Bereichen nicht fotografieren dürfe. Oft waren das Menschen mit Walkie-Talkies, die einzelne Zonen kontrollierten oder ihre eigenen Geschäfte schützen wollten. In solchen Momenten war mir Zurückhaltung wichtiger als jedes Bild. Ein kurzes Gespräch, respektvolles Auftreten und notfalls auch das Wegstecken der Kamera waren für mich selbstverständlicher Teil der Arbeit.
Fotostrecke
Zwischen Santa Muerte und der Jungfrau Maria von Guadalupe scheinen auf den ersten Blick Welten zu liegen. Hier die „Heilige des Todes“, dort die zentrale Marienfigur des katholischen Glaubens. Doch in Mexiko zeigen sich bei genauerem Hinsehen auch viele Gemeinsamkeiten. Beide werden als weibliche Schutzfiguren verehrt, an die sich Menschen mit ihren Sorgen, Hoffnungen und Bitten wenden. Es geht um Gesundheit, Arbeit, Schutz und Beistand in schwierigen Lebenslagen.
Auch wenn die katholische Kirche die Verehrung der Santa Muerte klar ablehnt, gehört sie für viele Menschen ganz selbstverständlich zum spirituellen Alltag. In manchen Häusern stehen Maria und Santa Muerte sogar nebeneinander. Leben und Tod erscheinen dann nicht als unvereinbare Gegensätze, sondern als zwei Seiten derselben Wirklichkeit.
Auf dem Weg zum Santa-Muerte-Altar fielen mir links und rechts immer wieder selbst gebaute Altäre auf. Gleichzeitig riefen mir Menschen mehrfach „Flika!“ zu, ein umgangssprachlicher Ausdruck im Sinne von „Mach ein Foto!“. Viele Anhänger begegneten mir mit sichtbarem Stolz und freuten sich darüber, dass sich ein Ausländer für ihren Glauben interessierte. Gerade diese Offenheit führte immer wieder zu Begegnungen, die weit über ein einzelnes Bild hinausgingen.
Natürlich sind nicht alle diese Aufnahmen fotografisch perfekt. Aber ich finde, man sollte solche Momente nicht vorschnell ablehnen. Wer diese Offenheit annimmt, bekommt oft etwas viel Wertvolleres als ein formal makelloses Foto: Gespräche, Einblicke und ein Maß an Vertrauen, das sich anders kaum herstellen ließe.
Gerade dadurch wurde für mich auch deutlich, wie verkürzt und falsch der verbreitete Eindruck ist, Anhänger der Santa Muerte pauschal mit Kriminalität zu verbinden. Dennoch hält sich dieses Vorurteil in Mexiko erstaunlich hartnäckig, auch bei Menschen, die selbst kaum Berührungspunkte mit diesem Glauben haben. Ich habe sogar erlebt, dass Bekannte plötzlich spürbar auf Distanz gingen, allein weil ich mich fotografisch mit Santa Muerte beschäftigt hatte. Daran lässt sich ablesen, wie sensibel und aufgeladen dieses Thema bis heute ist.






In Tepito gehen viele Gläubige mit Statuen oder Bildern der Santa Muerte auf Knien zum Altar, um ein Gelübde zu erfüllen oder Dank zu zeigen. Der beschwerliche Weg steht für Demut, Hingabe und die Ernsthaftigkeit ihrer Bitte.
Ähnlich wie bei der Wallfahrt zur Jungfrau von Guadalupe ist die körperliche Anstrengung ein bewusster Teil des Rituals. Schmerz, Mühe und die Nähe zum Boden werden als Ausdruck tiefen Glaubens verstanden. Der kniende Gang ist daher weniger Pflicht als eine sehr persönliche Form des Gebets.






Anfangs fand ich es ungewohnt, dass Gläubige eigene und fremde Statuen mit Zigarettenrauch einhüllen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass es sich um ein rituelles Opfer und eine Form der Kommunikation handelt.
Der Rauch von Zigaretten oder Räucherwerk trägt symbolisch Bitten, Dank und Wünsche zur Santa Muerte. Gleichzeitig verweist er auf Vergänglichkeit und den Übergang zwischen Leben und Tod.
Ähnlich wie das Anzünden von Kerzen bei der Jungfrau Maria ist dieses Ritual kein magischer Akt, sondern Ausdruck von Respekt, Nähe und persönlichem Glauben.


Für viele Anhänger der Santa Muerte sind Tattoos weit mehr als bloßer Körperschmuck. Sie tragen oft eine sehr persönliche, manchmal auch tief spirituelle Bedeutung in sich. In vielen Fällen erinnern sie an überstandene Krisen, an verlorene Menschen, an Schutzgelübde oder an Lebensphasen, die jemanden nachhaltig geprägt haben.
Immer wieder begegnet man Motiven wie Santa Muerte selbst, Kerzen, Rosen, Uhren, Totenschädeln oder auch Kindernamen mit Geburtsdatum. Hinter solchen Tätowierungen stehen häufig Themen wie Verlust, Verantwortung, Dankbarkeit oder der Wunsch nach Schutz. Vieles davon ist eng mit biografischen Erfahrungen verbunden und lässt sich nicht einfach auf reine Ästhetik reduzieren.
Gerade deshalb sollte man diese Tattoos nicht vorschnell als modisches Statement lesen. In diesem kulturellen Zusammenhang sind sie oft Ausdruck von Glauben, Erinnerung und Identität. Für viele Gläubige tragen sie eine Bedeutung, die weit über das Sichtbare hinausgeht und nur dann verständlich wird, wenn man auch die persönliche Geschichte dahinter mitdenkt.


Bei der Santa Muerte spielt die Farbe der Figuren eine wichtige symbolische Rolle. Jede Farbe steht für einen bestimmten Wunsch oder Lebensbereich.
Weiße Figuren werden mit Schutz, Reinigung und Frieden verbunden. Rot steht für Liebe, Beziehungen und Leidenschaft. Schwarze Figuren gelten als besonders kraftvoll und werden oft mit starkem Schutz, Gerechtigkeit und der Abwehr von Feinden in Verbindung gebracht.
Goldene oder gelbe Figuren symbolisieren Wohlstand, Arbeit und materiellen Erfolg. Grün steht häufig für Gesundheit und Heilung, Blau für Weisheit und innere Ruhe. Violette Figuren werden oft mit spiritueller Transformation und Trauerbewältigung verbunden.




An manchen kleineren Altären am Straßenrand stehen neben Figuren der Santa Muerte auch Darstellungen des Teufels oder Satans. Auf den ersten Blick wirkt das für Außenstehende oft irritierend. Trotzdem sollte man diese Figuren nicht vorschnell als Ausdruck einer klassischen „Anbetung des Bösen“ deuten.
In diesem Zusammenhang stehen sie meist eher für Macht, Furchtlosigkeit und die Fähigkeit, dunklen oder bedrohlichen Kräften etwas entgegenzusetzen. Für manche Gläubige verkörpern sie auch den Umgang mit Angst, Schuld, Gefahr oder gesellschaftlicher Ausgrenzung. Es geht also weniger um eine eindeutige religiöse Verehrung im christlichen Sinn, sondern eher um symbolische Vorstellungen, die mit Schutz, Stärke und Grenzerfahrungen verbunden sind.
Gerade in dieser Form der Volksreligiosität wird deutlich, dass nicht streng zwischen Gut und Böse getrennt wird, wie es in einem klassischen christlichen Deutungsmuster naheliegen würde. Vielmehr geht es um das Nebeneinander von Licht und Schatten, von Schutz und Gefahr, von Hoffnung und Härte des Lebens. Genau darin liegt auch ein Teil der Komplexität, die man von außen leicht missversteht.


Erkenntnisse
Ich muss gestehen, dass die surreale Atmosphäre rund um den Santa-Muerte-Kult und das permanente Gefühl, beobachtet zu werden, sehr intensiv waren. Man bewegt sich dort nicht einfach als neutraler Besucher durch eine Szene, sondern spürt sehr deutlich, dass jeder Schritt wahrgenommen wird. Die Geräusche, die Enge, die Rituale, die Blicke und die vielen kleinen Zeichen des Glaubens erzeugen eine Spannung, die fotografisch faszinierend, aber mental auch anstrengend ist.
Solche Situationen möchte ich nicht täglich erleben. Gleichzeitig zeigen sie sehr klar, wie man selbst unter Druck arbeitet: Wann bleibt man ruhig? Wann hält man Abstand? Wann hebt man die Kamera – und wann lässt man sie bewusst unten? Genau diese Entscheidungen prägen am Ende nicht nur die Bilder, sondern auch die Haltung, mit der man eine Reportage fotografiert.
Gut funktioniert hat die Entscheidung, mit kurzer Brennweite zu arbeiten. Die Ricoh GR IV war hier sehr passend, weil sie Nähe ermöglicht, ohne sofort wie eine große Reportagekamera zu wirken. Man kann sie unauffällig in der Hand halten, schnell reagieren und trotzdem nah genug an Menschen und Situationen herankommen, um echte Präsenz im Bild zu erzeugen.
Da die Ricoh GR IV bei dieser Reportage eine wichtige Rolle gespielt hat, habe ich meine bisherigen Praxiserfahrungen mit der Kamera auch in einem eigenen Beitrag zusammengefasst. Im Artikel „Ricoh GR IV im Praxiseinsatz: Was mir an der Kompaktkamera gefällt – und was mich stört“ beschreibe ich, was mir an der Kamera im Alltag besonders gut gefällt und welche Punkte mich bei der Nutzung auch stören.







