FOTOKLIC.DE · INTERVIEW-SERIE
Kennengelernt habe ich Armando 2022, eher zufällig. Sonntags wird in Toluca die Paseo Colón für den Autoverkehr gesperrt, und dort tummeln sich die Radfahrer der Stadt. Ich war mit meiner Kamera unterwegs, sah ihn beim BMX-Fahren, und wir tauschten unser Instagram aus. Das war’s erst einmal.
Ein Jahr später arbeitete ich an einem Kamerahandbuch und suchte Action-Aufnahmen. Da fiel mir Armando wieder ein, und er sagte sofort zu. Armando ist selbst Fotograf und Content Creator, und so konnte ich viel von ihm lernen, wie man BMX richtig fotografiert. Weil er auch eine BMX-Akademie betreibt, hat mich das gereizt. Er besorgte mir ein BMX, und ich bin bis heute dabei, auch hier in Deutschland. BMX und Fotografie haben uns praktisch zusammengebracht.
In diesem Artikel möchte ich euch Armando Montes vorstellen. Ich habe mich mit ihm über die Fotografie, das BMX-Fahren und das Tätowieren unterhalten, und darüber, wie diese drei Welten zusammenhängen.

Armando Montes ist Fotograf, professioneller BMX-Fahrer und Tätowierer aus der Gegend von Toluca/Metepec. Über seine audiovisuelle Agentur AMVisual arbeitet er als Sport- und Content-Fotograf, spezialisiert auf schnelle, unwiederholbare Action-Momente. Als Tätowierer hat er sich einen eigenen künstlerischen Namen gemacht, und mit seiner Art & Sport Academy gibt er sein Wissen an junge Menschen weiter, die wie er Kunst und Sport verbinden wollen.
Vom Rad vor die Kamera
Schon als Kind wollte Armando verstehen, wie es gelingt, Erinnerungen in Bildern festzuhalten. Als er mit dem BMX-Fahren begann, stand er zunächst selbst vor der Linse. Fotografenfreunde hielten seine besten Tricks fest, und er genoss es, diese Version von sich, mit vollem Einsatz, aufbewahrt zu wissen. Zur eigenen Kamera griff er trotzdem lange nicht.
Das änderte sich erst, als er sich dem Tätowieren widmete. Er wollte seine Arbeit gut zeigen können und merkte, dass er dafür selbst fotografieren können musste. Ohne Vorwissen investierte er in seine erste Ausrüstung, brachte sich alles selbst bei und verband von Anfang an zwei Ziele. Er wollte sich auf dem Rad festhalten und seine Tattoo-Arbeit sichtbar machen.
Stolz auf ein eigenes Bild war er zum ersten Mal wenige Monate nach dem Kamerakauf. Bei einer BMX-Vorführung im Zentrum von Toluca schlug ihm ein befreundeter Turntrainer vor, einen Sprung im Handstand zu fotografieren. Armando baute sein Stativ auf, stellte die Kamera ein und bat einen Freund, im richtigen Moment auszulösen. „Das Ergebnis zu sehen war unglaublich, da wusste ich, dass sich jeder Peso für meine erste Ausrüstung gelohnt hatte“, erinnert er sich.

Fotografieren lernte er komplett autodidaktisch, über YouTube-Kanäle, aus Neugier und mit ein wenig Physik und Elektronik, um zu verstehen, wie seine Ausrüstung wirklich funktioniert. „Jede Lektion sofort in der Praxis anzuwenden war für mich das Wichtigste.“
Stil: Licht, Zeit und das, was gerade passiert
Wie würdest du deinen Stil in einem Satz beschreiben? „Künstlerisch.“ Er fängt Licht, Zeit und das Geschehen ein, das gerade in Reichweite seines Objektivs liegt, und macht daraus in der Nachbearbeitung Kunst. Sein Hauptgenre ist zwar die Sportfotografie, aber wie ihr es an seinen Bildern hier in diesem Artikel sehen könnt, ist er auch sehr vielseitig unterwegs.
Mich reizt die schnelle, unwiederholbare Aktion und die Tatsache, dass sich alles von einer Sekunde zur nächsten verändert.
Armando Montes
Auf einen einzigen Einfluss will er sich nicht festlegen. Er nennt den Fotografen Jeff Zielinski und Daniel Blanco, den kolumbianischen YouTuber Leo Baquero, der bei ihm viele Grundlagen gelegt hat, und aus seiner Arbeit als Tätowierer heraus auch Maler wie Roberto Ferri. Ihn beeindruckt vor allem der Mut, mit dem Künstler, ob historisch oder zeitgenössisch, ihre Werke überhaupt erst zeigen.
Arbeitsweise: Vorbereitung trifft Flow
Noch bevor er seine Kamera einschaltet, hat Armando die Bilder im Kopf, die er braucht, und die Einstellungen, mit denen er arbeiten wird. Im Feld selbst beschreibt er einen regelrechten Flow-Zustand, egal ob er einen Kunden fotografiert, einen geliebten Menschen oder sich selbst. Am Computer wird die Aufnahme dann zu dem, was er „Lichtmalerei“ nennt. Es ist der Ausdruck eines Moments, einer Idee, eines Gedankens oder eines Gefühls, dem er in der Bearbeitung die nötige Ruhe und Präzision gibt.


Für ihn ist Nachbearbeitung deshalb kein notwendiges Übel, sondern der Ort, an dem er das volle Potenzial seiner Ausrüstung ausschöpft, ob Farben, Schattenbalance oder jedes Detail, das der Dynamikumfang hergibt. Geplant und spontan schließen sich für ihn nicht aus. Wer sein Equipment und den Kontext kennt, fließt einfach mit dem, was gerade zu tun ist.


Seine schwierigsten Aufträge sind Hochzeiten und Sportwettkämpfe, die Momente, bei denen er von einer Seite zur anderen rennt, zwischen Festbrennweiten wechselt und in Sekundenbruchteilen entscheidet, ob er offen oder geschlossen blendet und ob er Foto oder Video nicht verpassen darf.

Ausrüstung
Sein Sigma 56mm f/1.4 (APS-C), würde er nie hergeben. Es ist nicht stabilisiert, aber klein, robust und scharf, das Objektiv, mit dem er gelernt hat. Dazu liebt er sein Sony 14mm f/1.8 GM für weite, verzerrungsfreie Panoramen in kompaktem Format. Er hat bislang ausschließlich mit Sony gearbeitet und würde gern noch viel mehr ausprobieren.
Haltung und Rat
Welchen Rat würdest du deinem Anfänger-Ich geben? „Interessiere dich für die physische und technische Funktionsweise deiner Kameras, für Elektronik und Computer, und lerne Kunst- und Fotografiegeschichte. Das gibt dir die Grundlage, um im entscheidenden Moment richtig zu entscheiden.“


Einen verbreiteten Ratschlag hält er längst für überholt, nämlich die Vorstellung, etwas könne grundsätzlich richtig oder falsch sein. „Alles ist relativ zum Kontext, in dem es steht“, sagt er heute.
Ein gutes Foto entsteht, weil die Faktoren zusammenkamen, um es einzufangen. Ein großartiges Foto braucht Vorbereitung, geduldiges Visualisieren, Recherche und Investition. Jemanden, der reist, den Rahmen sucht und wartet, bis er es bekommt.
Armando auf die Frage worin er ein gutes und großartiges Bild unterschiedet
Persönliches und ein Blick nach vorn
Das Foto an seiner Wand, das nicht von ihm stammt, zeigt einen guten deutschen Freund, „Prophecy of Photography“, mit dem ihn das BMX-Fahren zusammenbrachte. Die beiden fuhren gemeinsam Rad und fotografierten sich gegenseitig.
Als Armando mir das erzählte, hat es mich ehrlich überrascht, denn „Prophecy of Photography“ bin ja in dem Fall ich selbst. In diesem Moment ist mir auch die Bedeutung dieses Bildes klar geworden, was weiß Gott nicht einfach gewesen ist und wir den Prozess sehr oft wiederholt haben. Und es trifft ziemlich genau das, was Armando weiter oben über den Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Foto gesagt hat. Es zeigt zwei Menschen genau in dem Moment ihrer größten Leidenschaften, mich mit der Kamera, Armando mitten in der Luft, und vereint das zu einem Bild, das es in dieser Form kein zweites Mal geben wird. Eine kleine Symbiose aus seiner und meiner Leidenschaft, festgehalten in einem einzigen Augenblick.

Am meisten überrascht hat ihn beim Fotografieren bislang Florida, mit seinen unglaublichen Sonnenuntergängen und Spaziergängen. Und ein Bild, das er noch unbedingt machen will? Davon gibt es viele, überall auf der Welt, immer mit Tricks auf seinem Rad.
Drei Welten, eine Quelle
Ist Armando Montes drei getrennte Menschen, der BMX-Profi, der Tätowierer, der Fotograf, oder speist sich alles aus derselben Quelle? Für ihn steht die Antwort fest. „Alles begann mit einem rebellischen Jungen, dem man sagte, er solle sich zuerst um die Schule kümmern, aber er wollte alles auf seinem Rad geben. Der Halt, den ich in der Kunst gefunden habe, hat mir geholfen, all diese Bereiche zu verstehen, die vielen unerreichbar erscheinen.“
Man muss nur seine Leidenschaft finden und sich ganz von ihr einnehmen lassen.
Armando Montes
Tätowieren bedeutet, auf Haut zu arbeiten, die ein Leben lang bleibt. Fotografieren heißt, Augenblicke festzuhalten, die sonst vergehen würden. Für Armando fühlen sich beide Formen des Festhaltens überraschend ähnlich an. „Es fühlt sich extrem an, fast so, wie kurz bevor ich mit dem Rad springe und weiß, dass es schiefgehen und alles für mich beenden könnte. Beim Tätowieren stehe ich unter derselben Spannung, keinen Fehler machen zu dürfen, denn das Ergebnis stärkt oder schwächt das Selbstwertgefühl eines Menschen. Und beim Fotografieren ist es unglaublich, was möglich wird, wenn ich jemandes Marke oder Wesen genau so einfange, wie er sich sieht oder gesehen werden will, im Zusammenspiel mit meinem eigenen Stil.“


Steht er inzwischen lieber hinter der Kamera als davor? „Ich brauche beides. Ich will alles festhalten, wozu ich fähig bin, und meine beste Version. Dafür verlasse ich mich meistens auf mein Team, meine Erfahrung und Freunde, die im richtigen Moment für mich auslösen.“
Armando träumt davon, Mexiko einmal bei Olympischen Spielen zu vertreten. Welche Rolle soll die Fotografie spielen, wenn er eines Tages nicht mehr fährt? „Sie hat mich schon jetzt ernährt, und ich möchte, dass das so bleibt. Ich glaube, sie ist ein Werkzeug und eine Leidenschaft, die mich bis ins nächste Leben tragen wird, falls es eines gibt!“


Mit seiner Art & Sport Academy gibt er etwas an Menschen in jedem Alter weiter, die wie er Kunst und Sport verbinden wollen. Sein Wunsch für sie: „Kunst und Sport stimulieren Geist und Körper auf unglaubliche Weise und schaffen die Grundlage, um in jedem anderen Bereich des Lebens zu bestehen. Ich glaube, dass sie Bewusstsein entwickeln und Werte schmieden, die diese Welt braucht, um ihre Widrigkeiten zu überwinden. Sie führen weg vom Unproduktiven und hin zu einer besseren Version des Menschen.“
Unsere Welt braucht mehr Menschen, die verstehen, wie das Leben wirklich funktioniert.
Armando Montes
Was mich an Armando bis heute beeindruckt, ist genau diese Haltung. Er lebt sie nicht nur, er gibt sie auch weiter. Mit seinem Lebensstil ist er für mich ein echtes Vorbild und eine Inspiration, jemand, der andere Menschen dazu bringt, sich auf eine Sache mit voller Hingabe zu konzentrieren, und der Menschen jeden Alters motiviert, sich zu bewegen.
Bei mir hat es funktioniert. Ich habe dank ihm noch in einem Alter mit dem BMX-Fahren angefangen, in dem man eigentlich längst zu „alt“ dafür sein sollte. Nach der anfänglichen Euphorie bin ich zugegebenermaßen etwas vorsichtiger geworden und stürze mich nicht mehr jede Half Pipe hinunter, aber das Rad steht bei mir bis heute nicht im Keller.
An seinem aktuellen Projekt liegt ihm besonders viel. Er möchte seine eigene Geschichte erzählen, wie das Leben ihn dahin geführt hat, so zu denken und das zu tun, was er heute mit Freude tut, obwohl andere ihm vorschreiben wollten, wer er sein sollte. „Ich möchte diese Welt als beste Version von Armando verlassen, und dass sie für die Geschichte festgehalten wird.“


Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, Armando hat etwas gefunden, wonach viele Menschen ihr Leben lang suchen, ohne es je zu finden. Er hat seine Leidenschaft entdeckt und sich rückhaltlos von ihr einnehmen lassen, ohne auf die Stimmen zu hören, die uns täglich erzählen wollen, wie ein richtiges Leben auszusehen hat. Keine Karriereleiter, kein Sicherheitsdenken, kein Blick darauf, was die anderen wohl sagen würden. Nur die klare, fast kindliche Gewissheit, dass ihn sein Weg glücklich macht, und der Mut, danach zu leben. Ganz im Sinne von Frank Sinatras „My Way“ hat er sein Leben auf seine eigene Art gelebt. Und wenn wir ehrlich sind: Wer kann das schon von sich selbst sagen.
Vielen Dank, Armando, für deine Offenheit und für die Erinnerung daran, dass man seine Leidenschaft manchmal einfach finden und sich von ihr tragen lassen muss.
Mehr von seiner Arbeit gibt es bei seiner audiovisuellen Agentur @amvisual_co sowie auf seinen Rad- und Tattoo-Profilen @armandomontesbmx und @armandomontesart, außerdem auf armandomontesart.com und amvisual.com.mx.
| Name | Armando Montes |
| Ort / Land | Toluca / Metepec, Mexiko |
| Kontakt | Instagram: @amvisual_co · @armandomontesbmx · @armandomontesart |
| Fotostil | Künstlerische Sport- und Action-Fotografie, geprägt durch seine eigene BMX-Erfahrung; daneben Content-Produktion für seine Tattoo-Arbeit. |
Steckbrief: Armando Montes · Fotoklic.de
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