Tlaxcala si existe
Manchmal findet man die besten Geschichten nicht, indem man sie sucht, sondern indem man sich treiben lässt. Ich war in Tlaxcala unterwegs, auf der Suche nach etwas Traditionellem, ohne genau zu wissen, wonach eigentlich. Die Nacht zuvor hatte ich auf dem Hauptplatz von Tlaxcala verbracht, um mir das Grito anzuhören, den Ruf zur Unabhängigkeit, mit dem Mexiko jedes Jahr am 15. September in die Feierlichkeiten des 16. startet. Tausende Menschen, eine Stimme vom Balkon des Regierungspalasts, dazwischen Feuerwerk und der Geruch von Straßenessen. Am nächsten Tag war ich noch immer im Nachklang dieser Nacht, ohne festen Plan, einfach mit dem Flow unterwegs, wie so oft auf meinen Reisen.
So landete ich in Santa María Ixtulco, einem kleinen Ort nahe der Stadt Tlaxcala. Und dort, mitten auf einem Platz, stand ein hoher, dunkel gebeizter Holzpfahl, der aussah, als hätte ihn jemand mit literweise Fett eingerieben. Umringt von einer Menschentraube junger Männer.


Ich hatte noch nie vom palo encebado gehört. Genau das machte den Moment für mich so besonders: dieses Gefühl, etwas völlig Unerwartetes entdeckt zu haben, ohne jede Vorbereitung, ohne jede Erwartung.


Ein Pfahl, ein Fest, ein ganzes Dorf
Was ich dort sah, ließ sich schnell erschließen, auch ohne dass mir jemand die Regeln erklären musste: Ein hoher, glatt geschälter Stamm, von oben bis unten mit Fett eingeschmiert, an dessen Spitze Preise befestigt waren, Tüten mit Grundnahrungsmitteln und Tequila, wie ich später erfuhr.


Gruppen junger Männer, die sich gegenseitig die Schultern hinaufreichten, sich stützten, abrutschten, wieder von vorne begannen. Das ganze Dorf stand drumherum, feuerte an, lachte, wenn wieder einer der Kletterer im hohen Bogen ins Fett zurückrutschte.


Der palo encebado – auch cucaña genannt – ist in Mexiko fester Bestandteil vieler fiestas patronales, der Feiern zu Ehren des jeweiligen Schutzheiligen eines Ortes. Sein Ursprung wird oft im Neapel des 16. Jahrhunderts verortet, als Darstellung des Vesuvs, die später zu einer schlichten Stange wurde.


Andere verbinden ihn mit der Legende vom Schlaraffenland oder dem spanischen Maibaum, einem alten Fruchtbarkeitsfest. Über das Vizekönigreich Neuspanien fand die Tradition ihren Weg nach Mexiko und hat sich seither in unzähligen Dörfern und Städten gehalten, von Tamaulipas bis Tlaxcala.
Was den Wettkampf trägt, ist nicht individuelle Stärke, sondern Zusammenarbeit. Keiner schafft es allein den Stamm hinauf. Erst wenn sich mehrere übereinander stapeln, sich mit den Schultern und Armen gegenseitig Halt geben, kommt Bewegung in die Sache. Genau das macht den palo encebado zu mehr als nur einem Geschicklichkeitsspiel: Er wird oft als Sinnbild gelesen für Ausdauer, Gemeinschaft und das Überwinden von Hindernissen, die man allein nicht bewältigen kann. Das Scheitern gehört dazu, wieder und wieder, bis am Ende doch einer oben ankommt.


Wie habe ich fotografiert?
Bei Tageslicht auf einem offenen Dorfplatz sind Blende, Verschlusszeit und ISO fast die kleinste Herausforderung. Genug Licht war da, die Technik lief praktisch im Hintergrund mit. Fotografiert habe ich durchgehend mit der Fujifilm X-S20 und einem 35mm-Objektiv, ohne Objektivwechsel. Die eigentliche Arbeit lag woanders: möglichst nah ans Geschehen zu kommen, mitten in die Menschentraube, dahin, wo das Fett spritzt und die Anspannung am größten ist.


Ein 35mm-Objektiv zwingt einen dazu, sich zu bewegen. Anders als mit einem Zoom kann man sich nicht bequem von hinten heranzoomen. Man muss sich physisch durch die Zuschauer schieben, Lücken finden, sich zwischen die Leute stellen, die selbst mitfiebern. Genau das hat mir geholfen, näher an die Gesichter, die Hände, die Anstrengung zu kommen, statt distanzierte Totalen von weiter hinten zu machen. Die Brennweite entspricht etwa dem, was das menschliche Auge wahrnimmt, dadurch wirken die Bilder eingebunden statt beobachtend von außen.
Praktisch bedeutete das auch immer in Bewegung zu bleiben, die Position wechseln, sobald sich die Gruppe am Stamm neu formiert, und dabei selbst aufpassen, nicht mit Fett vollgeschmiert zu werden. Für Einsteiger, die Ähnliches vorhaben: Ein einzelnes, lichtstarkes Normalobjektiv wie ein 35mm ist gerade für solche chaotischen, dichten Szenen oft die bessere Wahl als ein Zoom. Ihr verbringt hiermit einfach weniger Zeit mit der Technik und mehr damit, tatsächlich nah genug heranzugehen, um die Geschichte einzufangen.
Weitere spannende Reportagen findet ihr hier, z. B. von Thorsten, der für euch durch die Straßen von Paris gezogen ist. Auch sehr interessant ist der Artikel über das Museums-Frachtschiff Cap San Diego. Wollt ihr hingegen mehr über Tlaxcala erfahren, findet ihr hier auch eine Reportage über die Handweberei dort.






