Geschichten, die erzählt werden müssen
Es ist eine Frage der Perspektive: Bilder und Nachrichten, die uns aus Afghanistan erreichen, sind meist von Gewalt, Leid und Unterdrückung geprägt. Vor Ort aber bietet sich über weite Teile des Landes auch ein anderes Bild. Hier lachen Menschen, sie haben Hoffnungen, Träume und Lebensfreude. Diesen Eindruck vermittelt uns der afghanisch-amerikanische Künstler und Fotograf Daniel Malikyar in seinem neuen Bildband „Afghanistan“. Er begegnet seinem Geburtsland mit Respekt, Offenheit und persönlicher Verbundenheit.

Thorsten Naeser verbindet seit vielen Jahren Wissenschaft, Fotografie und Journalismus. Nach seinem Geografiestudium arbeitete er zehn Jahre als freier Wissenschaftsjournalist und Fotograf. Seit 2008 vermittelt er am Max-Planck-Institut für Quantenoptik und der LMU München komplexe Themen der Laserforschung verständlich an ein breites Publikum. Darüber hinaus leitet er die Redaktion von photonworld, ist leitender Redakteur des Fotomagazins Fotopuls der Volkshochschule im Norden des Landkreises München und als Buchautor tätig.
Am frühen Morgen lässt Ali Noor auf einer Anhöhe über Kabul seinen Drachen steigen. Der bunte Stoff des Drachens hoch am blauen Himmel strahlt im sanften Licht der aufgehenden Sonne. Der Junge hält den Drachen souverän an der Leine. Im Hintergrund erkennt man die dichte Bebauung Kabuls. Die erdfarbenen, flachen Häuser reichen bis an die weit entfernten Berge am Horizont heran. Das Foto, das der afghanisch-amerikanische Künstler Daniel Malikyar in seinem neuen Bildband „Afghanistan“ über eine Doppelseite zeigt, zieht den Betrachter sofort in den Bann. Es strahlt Ruhe, Frieden und Lebensfreude aus. All das, was man mit dem kriegsgebeutelten Land am Hindukusch nicht verbindet. Doch Afghanistan hat eben auch diese positive Seite. Daniel Malikyar zeigt sie uns in seinem großformatigen Bildband mit Fotos, die in Erinnerung bleiben.

Foto: Daniel Malikyar, Afghanistan, teNeues 2026
Daniel Malikyars persönliche Verbindung zu Afghanistan
Als die Vereinigten Staaten in Afghanistan 2001 einmarschierten, war Daniel Malikyar sechs Jahre alt. Malikyar wuchs in den USA als Sohn afghanischer Flüchtlinge auf. Die Leute sahen in ihm einen Terroristen. Als Kind gab sich Malikyar das Versprechen, zurückzukehren in das vom Krieg und Repressionen gebeutelte Land, um jene Welt zu zeigen, die er bislang nur aus Geschichten seiner Familie kannte – die Schönheit, die Menschlichkeit und die Geschichten, die noch nie erzählt wurden.
Mit seinem neuen Bildband ist Malikyar das hervorragend gelungen. Als Leser oder Leserin taucht man ein in eine fremde Welt. Man sieht Menschen aus den abgelegensten Regionen Afghanistans, wie sie zusammen mit ihren Tieren leben, wie sie die Felder bestellen, miteinander lachen, beten oder Ausflüge machen. Dann betrachtet man die archaischen Landschaften, die die zerklüfteten Regionen des Landes prägen. Man bestaunt karge Felslandschaften, langgezogenen Flusstäler und tiefblaue Bergseen. Eine erhabene Natur.
Vor allem aber trifft man Menschen. Denn Daniel Malikyar zeigt uns die Bevölkerung des Landes in einer Vielzahl eindringlicher Portraits. Man blickt den Portraitierten tief in ihre Augen. Hier fällt auf, dass die meisten der Portraitierten eher ernst schauen und wenig erwachsene Frauen unter ihnen sind. Einige dieser Menschen haben zuvor noch nie eine Kamera gesehen. Ergänzt wird der Bildband durch persönliche Erzählungen des Fotografen, die von den Begegnungen mit den Menschen auf seinen Reisen handeln. Das Buch ist zweisprachig – Englisch und Deutsch.
Einblicke in den Alltag abseits der Konflikte
Während die meisten um das heute von den Taliban repressiv-regierte Land wohl eher einen großen Bogen machen, erkundete Malikyar es bis in seine entlegensten Ecken. „Als Afghane kann er sich dort relativ frei bewegen. Er spricht die Sprache, versteht die Kultur und strahlt Verbundenheit aus“, schreibt Khaled Hosseini in seinem Vorwort zu dem Buch.

Foto: Daniel Malikyar, Afghanistan, teNeues 2026
„Afghanistan wird in den Medien auf Krieg, Terrorismus, Unterdrückung reduziert“, schreibt Daniel Malikyar. „Mit diesem Buch möchte ich unserem Volk eine Stimme geben – nicht durch die Linse des Krieges, sondern durch die Würde und Menschlichkeit. Eine Erinnerung daran, dass hinter jeder Schlagzeile eine Realität steckt, sie weitaus komplexer ist als das was uns gezeigt wird.“
Mit „Afghanistan“ ist Daniel Malikyar ein Buch gelungen, das weit mehr ist, als nur ein Bildband. Es öffnet uns ein Fenster zu einer verborgenen Welt, in der sich die von Hoffnung geprägte menschliche Facette eines vom Schicksal schwer geprüften Volkes verbirgt. Es ist ein Plädoyer an die Weltgemeinschaft, dieses Land nicht aus den Augen zu verlieren. In „Afghanistan“ pausieren Politik, Krieg und Gewalt. Ein enorm positives Werk.
Buchinformationen

| Angabe | Afghanistan |
|---|---|
| Autor | Daniel Malikyar |
| Titel | Afghanistan |
| Verlag | teNeues, Berlin |
| Sprache | Englisch |
| ISBN | 978-3-96171-777-4 |
| Preis | EUR 70 |
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Mehr Informationen über die beeindruckende Arbeit von Daniel Malikyar und seiner Arbeit findet ihr auf seiner Website oder Instagram.
Wer sich für Bildbände interessiert, die eine Region jenseits der üblichen Klischees zeigen, sollte auch einen Blick auf Peter Beards „The End of the Game“ werfen – eine ebenso eindringliche Dokumentation afrikanischer Natur zwischen Schönheit und Zerstörung.
Eine ganz andere, aber nicht weniger faszinierende fotografische Hommage an einen Ort liefert Dmitrij Leltschuk mit seinem Bildband über Hamburg, der in klassischer Schwarzweiß-Streetfotografie die Seele der Elbmetropole einfängt.
Fotos: Daniel Malikyar, Afghanistan, teNeues 2026







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