Ein Elefantenweibchen trägt sein totes Kalb mit sich herum, und Federico Veronesi hält den Moment in Schwarz/Weiß fest. Das Bild wurde aus 65.403 Einsendungen zum „Wildlife Photographer of the Year 2026“ gekürt. Dazu gibt es einen Mistkäfer auf Augenhöhe, einen Stadtdrachen in Bangkok und einen Kojoten vor San Francisco.

Thorsten Naeser verbindet seit vielen Jahren Wissenschaft, Fotografie und Journalismus. Nach seinem Geografiestudium arbeitete er zehn Jahre als freier Wissenschaftsjournalist und Fotograf. Seit 2008 vermittelt er am Max-Planck-Institut für Quantenoptik und der LMU München komplexe Themen der Laserforschung verständlich an ein breites Publikum. Darüber hinaus leitet er die Redaktion von photonworld, ist leitender Redakteur des Fotomagazins Fotopuls der Volkshochschule im Norden des Landkreises München und als Buchautor tätig.
Elefantendame in Trauer
Dieses Foto geht nicht spurlos an einem vorbei. In der Wüste des Damaralandes im Nordwesten Namibias spielte sich in einer Elefantenherde eine herzzereißende Szene ab. In ihrer Trauer konnte ein Elefantenweibchen von ihrem toten Kind nicht ablassen. Sie trug es festgeklemmt zwischen einem Stoßzahn und dem Rüssel weiter mit sich herum.

Diese Trauer fing der italienische Fotograf Federico Veronesi mit seiner Kamera ein. Für seine eindrucksvolle Schwarz/Weiß-Aufnahme wurde er jetzt vom Natural History Museum, London zum „Wildlife Photographer of the Year 2026“ gekürt. Ausgewählt wurde sein Bild aus einer Rekordzahl von 65.403 Einsendungen aus 121 Ländern. Die eingereichten Fotos erzählen einprägsame Geschichten aus der Natur. Sie machen zugleich deutlich, wie dringend ihr Schutz ist.
Das Siegerbild entstand während einer längeren Beobachtung einer Elefantenherde. Federico Veronesi folgte einer Herde von rund 20 Elefanten, als ihm auffiel, dass eines der Weibchen ein totes Kalb bei sich trug. Wie oder wann das junge Kalb gestorben war, ließ sich nicht erkennen, auch nicht, wie lange die Elefantenkuh den Kadaver schon bei sich hatte. Sie legte ihn nur ab, um zu fressen. „Als ich ihr am ausgetrockneten Fluss entlang folgte, wurde mir plötzlich klar, dass ich wahrscheinlich gerade die wichtigsten Fotos meines Lebens machte“, erinnert sich Federico Veronesi. Zwar ist das Tragen toter Jungtiere ein Verhalten, das man bei Primaten häufig beobachtet, bei Elefanten ist es bislang jedoch kaum dokumentiert. Als das Weibchen das Kalb einmal kurz ablegte, versammelten sich die anderen Elefanten um das tote Jungtier, nahmen neben ihm ein Staubbad und berührten das Kalb sanft mit dem Rüssel. Dann kam das Weibchen zurück, nahm das Junge wieder auf und ging weiter.
Ein Mistkäfer auf Augenhöhe
Ein weiteres Schwarz/Weiß-Foto gewann den Nachwuchspreis in der Altersgruppe 11–14 Jahre. In Simbabwe bekam Oscar Whitfield einen Mistkäfer vor die Kamera. Er beobachtete das kleine Tier bei seinen mühsamen Anstrengungen seine kostbare Fracht vor sich herzuschieben. Weltweit gibt es mehr als 5.000 Arten von Mistkäfern, die in ihren Lebensräumen eine wichtige Rolle spielen, indem sie Mist zerkleinern und vergraben. Damit verhindern sie die für die Methanbildung notwendigen Bedingungen und reduzieren die Menge der Treibhausgasemissionen. Das Vergraben von Mist trägt zu einer schnelleren Zersetzung bei und verringert dadurch die Anzahl der Schädlinge, die Nutz- und Wildtiere befallen.

Für sein Foto legte sich Oscar flach auf den Boden, um den Käfer auf Augenhöhe zu fotografieren, während Sonnenschein und Hitze rundherum trockenen Staub aufwirbelten. Mit Hilfe einer kurzen Verschlusszeit und hoher Lichtempfindlichkeit war das Siegerbild schließlich im Kasten.
Damit zeichnete die Jury zum ersten Mal in der 62-jährigen Geschichte des Wettbewerbs sowohl den Gesamtsieger als auch den Gewinner des Nachwuchswettbewerbs für eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus.
Wildtiere in der Großstadt
Wie sich tierischer und menschlicher Lebensraum oft überschneiden, zeigen eindrucksvoll die Bilder von Seth Forestson aus Großbritannien und Loren Elliott (USA). In einem Park in Bangkok entdeckte Seth Forestson einen Wasserwaran, der seine Mahlzeit mit sich herumtrug. „Die Herausforderung bestand nicht darin, diese Echsen zu finden, sondern sie in Aktion einzufangen, da sie den größten Teil des Tages damit verbringen, sich in der Sonne zu aalen“ erklärt Forestson. Als Seth dieses Exemplar entdeckte, legte er sich mit seinem Smartphone in den Schlamm, um den „Stadtdrachen“ vor der Skyline von Bangkok in Szene zu setzen.

Im Bernal Heights war Park Loren Elliott auf der Suche nach Nagetieren, als plötzlich ein Kojote vor die Kamera lief. „Er schlich auf einem Pfad entlang, von wo aus man einen Blick auf die Stadt und die Bucht von San Francisco hat“ erinnert sich Loren. Plötzlich stand das Tier perfekt vor der Kulisse der Stadt und Loren drückte den Auslöser. Eine wunderbare Momentaufnahme!

Wer jetzt Lust bekommen hat, eine größere Auswahl der besten eingereichten Bilder von Naturfotografen und Naturfotografinnen aus aller Welt in aller Ruhe zu bewundern, der kann das im neuen Bildband „Wildlife Fotografien des Jahres. Portfolio 36“ tun. Alle prämierten Bilder und die 100 besten Fotos des Wettbewerbs gibt es in dieser wunderbaren Lektüre mit informativen Begleittexten zu sehen.
Buchinformationen

| Angabe | Wildlife Fotografien des Jahres |
|---|---|
| Titel | Wildlife Fotografien des Jahres. Portfolio 36 |
| Verlag | Knesebeck Verlag |
| Sprache | Deutsch |
| ISBN | 978-3-98962-149-7 |
| Preis | EUR 38 |
| Kaufen bei | knesebeck-verlag.de / Amazon.de |
Weitere spannende Bildbände haben wir hier bereits vorgestellt: Peter Beard – The End of the Game: Eine bewegende Dokumentation der Wildniszerstörung sowie Daniel Malikyar – Afghanistan: Ein neuer Blick auf das verborgene Gesicht des Landes.
via Wildlife Photographer of the Year 2026 und Knesebeck Verlag







Leave a Comment