Drei Tage in Paris, im Gepäck drei unterschiedliche Kameras. Das Vorhaben: Die Metropole an der Seine und ihr Stadtleben erkunden und fotografieren. Nicht die Touristenspots sind das Ziel, sondern die weniger herausgeputzten Ecken. Neben der Fotoreportage über die Boulevards, Plätze und die Menschen, die die französische Hauptstadt mit Leben erfüllen, steht die Frage: Welche Kamera schlägt sich am besten im Dschungel der Großstadt? Die Fujifilm X100V, die Fujifilm X-E4, oder die Nikon Zfc. Thorsten Naeser alle drei Modelle dem Tauglichkeitstest für die Straßenfotografie unterzogen.

Thorsten Naeser verbindet seit vielen Jahren Wissenschaft, Fotografie und Journalismus. Nach seinem Geografiestudium arbeitete er zehn Jahre als freier Wissenschaftsjournalist und Fotograf. Seit 2008 vermittelt er am Max-Planck-Institut für Quantenoptik und der LMU München komplexe Themen der Laserforschung verständlich an ein breites Publikum. Darüber hinaus leitet er die Redaktion von photonworld, ist leitender Redakteur des Fotomagazins Fotopuls der Volkshochschule im Norden des Landkreises München und als Buchautor tätig.
Die Hitze steht in den Straßen von Paris. Es ist Hochsommer. Die französische Hauptstadt präsentiert sich laut und hektisch, aber durchaus einladend. Ein fast schon südländisches Flair empfängt den Reisenden, sobald er aus Deutschland kommend, den Bahnhof Gare del Est verlässt.

Paris hat einen ganz eigenen Geruch und eine spezielle Atmosphäre. Um die großen Bahnhöfe herum tobt das multikulturelle Leben. Menschen unterschiedlichster Nationen kommen hier zusammen und gehen ihren Geschäften nach. Überall gibt es kleine Läden mit Lebensmitteln aus aller Herren Länder.

Die Cafes und Brasserien an jeder Ecke sind gut besucht. Es wird gegessen, getrunken und gelacht. Der erste Eindruck auf den motivierten Straßenfotografen ist vielversprechend: Paris lädt ein, zu fotografieren. Aber das Projekt erscheint herausfordernd.

Im Gepäck habe ich drei Kameras: Eine gern verwendete Fujifilm X100V mit fest verbautem 23mm Objektiv und eine Fujifilm X-E4 mit einem 15-45mm Objektiv und – als Wechseloption – ein Lensbaby Sweet22. Dazu gesellt sich eine Nikon Zfc mit dem lichtstarken, manuellen Objektiv TT ARTISAN 25mm, f/2.
Mit der Fujifilm X100V durch die Straßen von Paris
Mit welcher Kamera beginnt man nun so einen Ausflug? Besser erst mal vorsichtig herantasten. Auffallen will man auf keinen Fall mit dem Fotoapparat. Das wird schnell klar, wenn man sich um die Boulevards rund um die Bahnhöfe Gare del Est und Gare du Nord bewegt. Also beginne ich mit der FujiX100V, die ich fast in meiner Hand verschwinden lassen kann. Trotzdem fühle ich mich oftmals ertappt, denn die Leute sind aufmerksam. Sie entdecken den Apparat schnell in meinen Händen.

Um den Hals trage ich die Kamera nie, denn dort wäre sie noch viel präsenter. Im Einsatz hält die Fuji X100V was die Marketingabteilung von Fuji über die X100er Serie verspricht. Man kann unkompliziert Bilder machen. Bevor man jedoch ein Motiv anvisiert und die Kamera vor die Augen hält, sollte man sich überlegen, ob man das gewünschte Bild auch wirklich erhalten wird mit dem fest verbauten 23mm Objektiv.

Das sollte man vor allem beachten, wenn man in schwierigen Gegenden Menschen fotografieren möchte. Viele spannende Gesichter begegnen mir auf den Straßen abseits der Touristenströme. Afrikaner scheinen einige Straßenzüge der Innenstadt fest in ihren Händen zu haben.

Die Gegend ist laut, dreckig und unübersichtlich, manchmal für den gesetzten Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig. Frauen tragen farbenfrohe Gewänder, viele Männer große Sonnenbrillen mit Goldumrandung und bunte Kopfbedeckungen, alles sehr attraktive Motive. Doch fotografieren lassen sich die wenigsten. Schade. Unwohl habe ich mich jedoch nie gefühlt, auch wenn ich sehr viele Körbe auf die Frage nach einem Foto kassiert habe. Ohne zu fragen ist es keinesfalls empfehlenswert, dort Bilder zu machen.

Deutlich entspannter geht es dagegen auf einem der wohl berühmtesten Friedhöfe Europas zu. Auch auf dem Père-Lachaise kommt die Fuji X100V zum Einsatz. Vom Trubel der Straße kommend, findet man urplötzlich hinter den hohen Friedhofsmauern Ruhe.

Auf breiten Wegen spaziert man an großen Gruften und verfallenen Grabanlagen entlang. Man entschleunigt und sucht nach Motiven, die es hier zuhauf gibt, vorausgesetzt man steht auf Lost Places und etwas morbides Ambiente. Die handliche Fuji tut ihr übriges, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und seine Gedanken nicht um die richtige Fototechnik kreisen lassen zu müssen.


Weiter geht es mit der Fujifilm X-E4 und dem Kit-Objektiv
Paris ist eine Stadt der Gegensätze. Nur einen Straßenzug entfernt von den südländisch geprägten Hochburgen, tobt der Tourismus und der Konsum entlang der Seine. Hier riecht es auf einmal nicht mehr nach Urin, plötzlich sind die Straßen sauber. Früh am Morgen mache ich mich am zweiten Tag auf, um zum Sonnenaufgang am Fluss zu fotografieren und zumindest ein Foto vom Eifelturm zu erhalten.
Dieses Mal habe ich mich für die Fuji X-E4 mit dem 15-45mm f/3.5-5.6 Wechselobjektiv entschieden. Um sechs Uhr stehe ich am Trocadero, jener Plattform gegenüber dem berühmten Wahrzeichen auf dem schon unzählige Fotos des Turms geschossen wurden, wahrlich kein Geheimtipp. Aber um sechs Uhr, am Nationalfeiertag, bin ich dort zumindest allein und leider auch ausgesperrt. Denn der Zugang ist abgeriegelt wegen Renovierung. Jetzt bleibt nur noch die Weitwinkelperspektive. Zum Glück fliegen im Vordergrund permanent Tauben um mich herum, sodass ich diese mit den Gebäuden stimmig in Szene setzen kann. Der Sonnenaufgang und die Velvia-Filmsimulation der Fuji X-E4 tun ihr Übriges für eine attraktive Beleuchtung.

Zurück geht es nun auf einem langen Spaziergang an der Seine. Die Morgensonne steht noch tief und taucht die urbane Flusslandschaft in ein weiches Licht. Viele Leute joggen.

An beiden Ufern sind Schiffe jeglicher Art vertäut, man findet Hausboote, Segelschiffe und natürlich Touristenfähren.

An den Brücken glänzen im Morgenlicht tausende Liebesschlösser an den Geländern. Da findet man nicht nur zwischenmenschliche Zuneigungsbekundungen, sondern auch viele an die Stadt – mit eingraviertem Eifelturm.

Auf diesem Trip hat sich die Fuji X-E4 angeboten. Denn mit der Option, ein Zoomobjektiv einzusetzen, verschafft sie gerade in solchen Situationen doch einen größeren Spielraum als ihre „Schwester“ mit fest verbauter Linse.

Kreative Effekte mit dem Lensbaby-Sweet 22
Noch am selben Abend kommt die Fuji X-E4 erneut zum Einsatz. Dieses Mal mit dem exotischen Lensbaby-Sweet 22 Objektiv. Dieses Objektiv bildet nur in der Mitte halbwegs scharf ab, alles andere verschwimmt in Unschärfe. Es geht in Richtung Moulin Rouge, jenes legendäre Cabaret-Theater mit der markanten roten Mühle auf dem Dach.

Die Herausforderung ist groß. Denn das Motiv ist eigentlich nicht wirklich fotogen, so komisch das auch klingen mag. Es liegt an einer Straße, davor hunderte von Touristen, die alle frontal mit ihren Handys drauflos fotografieren. Die Idee: Zur blauen Stunde sollte mehr möglich sein als nur schnöde das Gebäude abzulichten. Eine Stunde schleiche ich in der Dämmerung zwischen Menschenmassen um das geschichtsträchtige Gebäude herum. Dann habe ich genug von dem Trubel und ein paar eher künstlerisch angehauchte Fotos im Kasten.

Die Fuji X-E4 hat sich gut geschlagen. Das einzige Manko ist ihre Größe. Sie ist sehr klein, ihre Bedienung ist etwas frickelig, denn die Knöpfe und Einstellräder sind winzig. Das macht sich vor allem bemerkbar, wenn man viel mit Belichtungszeiten, ISO-Werten und den für Fuji charakteristischen Filmsimulationen experimentiert.
Nikon Zfc mit dem TT Artisan 25mm f/2
Am angenehmsten in Bezug auf die Haptik, hat sich zu guter Letzt Nikons Retro-Kamera Zfc herausgestellt. Sie ist im Vergleich zu den anderen beiden Kameras etwas voluminöser und schwerer, ihre Knöpfe signifikant größer als bei den beiden Fujis. Mit ihr und dem manuellen TT ARTISAN 25mm, f/2 ging es am letzten Tag auf Tour. Meine Befürchtung, dass man in der Straßenfotografie mit einer manuellen Scharfstellung nicht schnell genug reagieren kann, haben sich nicht bewahrheitet.

Es ist lediglich eine Sache der Gewöhnung und der Routine, mit einem manuellen Objektiv auf Motivsuche zu gehen. Die Bilder, die ich auf den Streifzügen mit der Nikon Zfc gemacht habe, stehen den Resultaten der anderen Kameras in Nichts nach. Durch seine größeren Abmessungen, kann man den Apparat allerdings nicht mehr so unauffällig in der Hand halten.

Das angeschlossene TT Artisan-Objektiv zeichnet zwar alles andere als besonders scharf und entpuppt sogar kleine Vignettierungen an den Rändern. Aber das tut den Bildern keinen Abbruch. Die Kombination aus Kamera und manuellem Objektiv verstärkt eher das Gefühl zu wandeln auf den Spuren berühmter Fotografen wie etwa Henri Cartier-Bresson oder Robert Doisneau, deren Bücher als Inspiration und Einstimmung für einen Paris-Besuch übrigens sehr empfehlenswert sind.

Wer sich für Straßenfotografie begeistert, der ist in Paris gut aufgehoben. Motive gibt es an jeder Ecke. Das Leben hier wirkt dynamisch und turbulent, es ist geprägt von Gegensätzen. Man sieht viel Armut an den Orten, die nicht von den Touristen in Beschlag genommen wurden.

In den sommerlichen Straßenschluchten sind lange Streifzüge mit der Kamera, sei es komplett zu Fuß, oder teilweise mit der Metro, anstrengend. Man sollte Zeit finden, sich zwischendurch einfach in eines der zahlreichen Cafes und Restaurants zu setzen, die Kamera beiseite zu legen und die Eindrücke einer Weltmetropole mit allen Sinnen auf sich einwirken zu lassen.

Für Reisende, die ähnlich wie in Paris auch andere europäische Metropolen abseits der Touristenpfade erkunden wollen, bietet der Bildband Dmitrij Leltschuk Hamburg: Momentaufnahmen aus der Elbmetropole inspirierende Einblicke in das urbane Leben der Hansestadt.
Für Fotografen, die ähnlich wie in dieser Paris-Reportage auf der Suche nach authentischen Momenten sind, zeigt die Reportage Rumänische Bergbauern in den Karpaten eindrucksvolle Einblicke in eine fast vergessene Welt.
Fotos und Text: Thorsten Naesser





